Nichts ganz für sich - EIN TOTENTANZ - 1. Akt
IM ZWISCHENREICH
IN
KEINER ZEIT
I
Stefanie trägt eine gefüllte, undurchsichtige Plastiktüte in der Hand.
Stefanie:
Ruhig ist das Licht.
Still wie ein fahler Wintermorgen höre ich die Schneekristalle tanzen, die die Welt zum Schweigen bringen und ihre Formen decken. Sie leuchten und sind heller als die Wolken, denen sie taumelnd fliehen, bilden einen dichten Vorhang der ständig vor uns fällt, ohne das irgendwas aufhört. Es fängt auch nichts an. Finden wir eigentlich alles schön, was wir nicht zählen können?
Wenn der Schneeschauer die Menschheit ist, dann bin ich die Flocke auf meiner Hand. Ich schmelze hin in dieses Nichts, das kein Stück mehr als Nichts ist.
Warum erscheint ich mir als Schneegestöber?
Hier gibt es weder Wasser noch Wind noch Landschaften, die im Weiss untergehen könnten. Hier dämpft das Prinzip, das auch Schnee möglich macht. Der sich auf mich legte, war so wenig frei, wie was er bedeckte. Seine Flocken schienen nur schwerelos, täuschten Freiheit vor und tanzten, bevor sie wie Geschosse in mich schlugen. Es war die Welt, auf deren Boden sie ihren Tanz beendeten, pappten, stauchten, Schichten bildeten, Eis, Sedimente und Lawinen. Ihr Tanz der Leichtigkeit rollte tonnenschwer über mich und nahm mir Licht und Luft. Hier tanze ich in meiner Hand. Kein Schmelzen. Kein Enden. Was wird aus mir?
Der Raum hat keine Wände, er ist Wand. Das Land hat keine Grenzen, kein Ende für den Blick in einem Horizont, denn das hier ist der Horizont, der Sehnsuchtsstrich, Treffpunkt der Dimensionen, die Grenze zu etwas, die Freiheit davon.
Im Leben geht es nach ihm weiter. Das ist das Ende, ohne ein danach. Hier bin ich auf dem Strich. Hinterm Horizont geht es weiter, doch auf ihm?
Nichts wird aus mir, denn ich bin weniger als ein paar feste Wassermoleküle. Tanz ist Kampf gegen Gravitation, der selbst für Schneeflocken verloren geht.
Doch hier schlagen sie keine Krater mehr in mich.
Hier haben Wunden keine Ursachen.
Wo bin ich? Komme ich am Ende an? Reise ich vom Anfang ab? Gehe ich durch? Ist das ein Ort oder schon keiner mehr? Sphärengrenze? Umsteigpunkt? Verkehrskreuz?
Scheideweg? Wo geht es hin? Die Enden liegen hinter mir, ich brauch kein Ziel.
Nicht mehr und darum bin ich hier. Ich brauch auch keinen Ort, da trifft man Menschen. Die sind so wenig gut für mich, wie ich für sie. Das weiche Nichts gefällt mir besser, es ist wie ich. Nur du, mein schweres Herz, was wird mit dir?
Wo ich dich nahm gab es zumindest ein Regal für dich und eine Ordnung, da hatten Herzen ihren Platz. Hier ist kein Platz und doch gehörst du her. Sei froh, dass du nicht stehen bliebst, so stehen geblieben, in dem Regal.
„Was wird aus mir?“ schienst du gleich mir zu schreien, aus deinem Glas. Eingelegt und beschriftet. Wartend. Worauf nur? Auf mich?
Ach Herz, du schmeichelst mir.
Es ist kein Oben und kein Unten hier.
Stellt den Beutel ab.
Egal wo du an keinem Ort bist.
Hörst du? Ohrenbetäubend diese Ruhe. Hätte ich um die gewusst, wäre ich eher gekommen. Die Bergung war sehr aufwändig, das hallt noch in den Zellen nach. Wie sie sich die Kommandos zuriefen, was sie unternahmen, wie sie zugriffen, immer wieder eingriffen in mich, mich halten wollten, die ich doch längst auf dem Weg war, mein Blut im Bach davon lief. Das war deren Kampf, mich bei ihnen zu halten, nicht meiner. Sie merkten nicht, dass sie mit meiner Vergangenheit spielten, ich schneite hier schon in meine eigene Hand, als sie sich meine Werte sagten. Es ist ihr Beruf, später als es vorbei ist, zu bemerken, dass es vorbei ist. Sie sagen sich Zahlen, neutral und unaufgeregt, doch in ihren Augen steht, was schon mit mir passiert ist. Das zu ignorieren ist ihr Job. Mein Rest nur Druckwerte, Sättigungen, Stromkurven.
Hier habe ich endlich Ruhe vor ihrem lauten Bemühen. Hier hat niemand keinem irgendwas zu sagen, ausser sich selbst. Die Ruhe scheint ewig, mich hört ja auch niemand. Ausser du, mein Herz, wegen dem ich ja da zu sein scheine.
Ist es ein Gefühl, oder nur noch die Erinnerung daran, wenn ich mir wie auf dem S-Bahnkreuz im Winter vorkomme? Von Irgendwoher kommend, in einem blinden Fleck der Stadt sitzend, einem Nervenkreuz doch blind, aufgehoben im Schneeregen, der, sich aufschmelzend, die kalten Schwellen trifft. Für einen Moment bei mir, frierend im Windzug wahrer, als ich dort sein werde, wohin ich fahre. Wo mich eine Kanne Tee, frisches Brot und gierige Augen erwarten. Für Minuten auf der glatten Treppe zwischen den Bahnsteigen und am klirrenden Gleis bin ich frei. Frei von jeder Erwartung. Frei von eigener und fremder Erwartung gehöre ich mir. Hoffnungslos mir.
Der Abend wird schön werden, heimelig die trockene Wärme der verfallenden Neubauwohnung, die er billig gemietet hat. Bei einem Eintopf werden wir auf hundert andere Küchenlichter blicken und aufgehoben sein in fremder Gemütlichkeit. Die werden wir bis ins Bett kopieren, erst dort werde ich für einen Moment Wahrheit wieder frei von allem sein, frei von fremder Wärme, die mich nichts angeht, weil ich kalt und weit bin, wenn ich mir selbst folge. Seine Gier in mir werde ich alles vergessen, vor allem ihn und jede Hoffnung.
In diesen Nächten vor fünfzehn Jahren traf ich meinen Tod schon.
Darum wohl fuhr ich immer wieder hin. Damals beim Studium.
Glaub mir, Herzchen.
Später an dem Ort, an dem es viele Kreuze doch keine S-Bahn gab, wo wir selbst Gemütlichkeit aus einem Haus strahlten, liess ich den Wagen oft in der Garage stehen, besonders im Herbst. Ich mochte es, an dunklen Spätnachmittagen in einem Buswartehäuschen zu sitzen und den Eilenden zuzusehen. Den Fremden in ihrer kleinen Stadt, die unter die tief hängenden Küchenlampen, vor die Fernseher und in die Betten strebten. Bus für Bus liess ich davon fahren und mir war wohler als Ihnen, da ich für diese Momente nirgendwohin wollte und Heimat in mir hatte.
Wie auf einer Berghütte. Aus der Welt für eine Nacht, es gibt nur Bleiben sobald es dunkel wird. Bald schliesst sich das Tal und du bekommst eine Ahnung von Einsamkeit, dem harten Genuss. Trostlos und erlösend in einem ist sie. Herzchen, du weißt wovon ich spreche.
Auch hier schliesst sich ein Raum, der nicht ist um mich. Erinnert er mich an Gefühle? Wozu? Wozu mein Herz? Wozu bildet er S-Bahnkreuze, Bushaltestellen und Berghütten? Warum fallen mir die Winternächte mit ihm im Neubaugebiet ein? Wieso gerade die, die ich doch schon vergessen hatte? Muss ich denn wissen, was ich lasse? Du weißt das doch auch nicht. Kam ich nicht her, weil ich keine Gefühle mehr wollte? Es tut nichts weh, wenn man die Brüstung hinter sich gelassen hat. Du musst loslassen, haben sie gesagt. Lass alles hinter dir.
Hinter mir? Wo soll das sein? Hier gibt es keine Richtung mehr, es kann auch alles vor mir liegen. Nein, das kann es nicht, nichts kann mehr vor mir sein, als das was hinter mir war. Und genau da wollte ich hin, Nichts im Nichts werden. Vielleicht vergisst man im dunklen Schneewolkenweiss, was man hinter sich hatte. Ich bin nicht mehr die, die ich mal war und werde auch nichts Neues mehr. Ich bin gestoppt. Ein für alle mal, zum Glück. Das ist der eine Moment, in dem ich sehe, wie wenig ich war, wie wenig wahr ich war.
Für diese Welt hätte es gereicht, nicht aber für mich.
Ich erinnere, was ich fühlte, damals als es noch ein Gestern gab. Erst zum Schluss spürte ich nichts mehr. Im Nichts zu sein war immer mein Wunsch. Im Nichts zu leben, die Hölle der Tage. Turbulent mit den Kindern, die alles retten, erst abends diese abwesende Temperatur des Mannes, dessen Gier nach mir mich mal von mir befreite und den ich dafür liebte; der jetzt fern neben mir sitzt und dann wie tot ins Bett, wieder neben diesen Mann, der Tabletten nimmt, um ausreichend Schlaf für sein Tagwerk zu bekommen. Das besteht aus Konzentration und Heldenmut. Wie schön für ihn. Erst in den Träumen kann ich sterben. Ungeheuer reissen mich immer wieder aus den Armen meiner Kinder um mich mit sich zu nehmen. Dahin, wo ich jetzt bin.
Endlich. Endgültig. Endlich endgültig.
Die Nächte waren ein Grauen, aber sie waren mir. Hier ist alles aus solcher Nacht und hell wie nie ein Tag sein kann.
Vor dem Spiegel stand ich, unter dem riesigen Fenster, das er ins Dach überm Bad hatte schneiden lassen und sah morgens der Frau aus meinen Träumen nach. Sie verwandelte sich zu einem Mädchen, zu mir, bevor sie ganz verschwand. Im Spiegel blieb, was ich am meisten hasse, mein schönes Gesicht. Zerschnitten sah ich mich davon gehen und lachte mir nach, denn das Gejohle der Kinder drang endlich durch die Türen. Sie holten mich in ihren Trubel, den nur ein Teil von mir genoss. Der andere steckte im Spiegel. Das Mädchen, das ich selbst gewesen war. Die kleine Marschiererin.
So nannte mich mein Vater. „Die kleine Marschiererin“. Der Herr Professor plante gern und schlecht, besonders im Urlaub. Die Gegenwart war nicht sein Grabungsfeld. Kein Ausflug ohne Havarie, Irrweg, Panne oder ein verpasstes Schiff. Am Ende einer unserer Runden an die Steilküsten der Insel, auf deren Felsen er ausgiebig ihre Geschichte referiert hatte, war der letzte Bus im Dorf davon und Dunkelheit raste von Land heran. Bedrohliches nahte am Himmel, Wolken so fett und schwarz wie ich sie noch nie gesehen hatte. Mutter bestand auf ein Taxi, das nur auf uns zu warten schien. Vater gab ihr sein Geld und schlug den Fussweg in die Ebene ein. An ihrer Hand beobachtete ich die Szene. Noch nie hatte ich meine Mutter ausser sich erlebt und schreien hören. Hier schimpfte sie mit überschlagender Stimme auf offener Strasse, nannte ihn verbohrt und Esel, ein unverantwortliches Arschloch, tobte im Staub vor ihm, zur Freude der Sarden, die vor der Bar auf den Regen warteten.
Seitdem liebe ich Inseln, da brüllen sich Erwachsene in der Sprache an, die sie mitbringen.
Er sagte nicht viel, doch wie er meine Mutter ansah, zog mich zu meinem Vater. Ich riss mich von ihr los und floh zu seinen traurigen Augen. Dann gingen wir in das Unwetter. Im Taxi erlebt man nichts, sagte er nur und erklärte mir auf dem Weg durch den Wolkenbruch, wie die Berge entstanden waren, die hier die Wolken zwangen, sich zu entleeren. Sediment war sein Lieblingswort, wie Schichten auch. Das gab er mir mit, die Sehnsucht nach den Gründen unter dem Grund. Den Sturm wollte er mir auch noch erklären, dann musste er mich halten und uns beide gegen den Wind vom Land stemmen. Zum Schluss beschwörten wir uns singend: „Der Sturm der ist ein blöder Wicht, doch kennt er unseren Willen nicht!“ und kamen nass, durchgefroren und überglücklich im Ferienhaus an. Die Sturmnacht wurde das Erlebnis meiner Kindheit. Von da an war Mutter eine grosse Freundin, die ich gefährlich nötig hatte.
Doch er, mein Vater, war der Mann, der mit mir durch den Sturm ging. Einfach so, weil es Spass macht. Er gab mir Bücher und zeigte mir Steine, tausende Steine. Bau dir deine Brücken daraus selbst, sagte er, ich kann dir nur ab und an einen Trick verraten. Fünf war ich im Sturm und neunzehn, als er abends vom Tisch fiel. Der Herr Professor hörte Volksmusik, löffelte Suppe und lästerte über die Uni. Dann lag sein Kopf auf dem Teller. Nachts kam meine Mutter allein aus dem Spital zurück, ihr Blick machte mir Angst.
Er war einfach gestorben. Und der Sturm fing gerade erst an. Am Tag nach der Beerdigung schickte ich die Bewerbung für das Archäologiestudium ab. Sein Beruf war, zu suchen und zu verstehen was er fand. Aber das Mysterium blieben die Schichten. Gemeinsam hatten wir Abende lang am Ofen gesessen und uns ausgemalt, wie viele Füsse in wie vielen Zeiten die Scherbe festgetreten haben mochten. Zu dem was er tags katalogisierte, erfand er am Kamin mit mir die Leben. Einmal schenkte er mir ein Stück Lederriemen. Der lag drei Schichten und fünfhundert Jahre über den Münzen, sagte er. Dann liessen wir den Jungen noch mal durch die Strassen der Hafenstadt rennen, bis die Sandale kaputt war. Ein Leben zu erfinden, habe ich bei ihm gelernt, die Kraft dazu von ihm geerbt. Mutter liess ich allein und ging in die Stadt mit den S-Bahnkreuzen studieren. Mein Leben sollte in die Sedimente führen, wie seines, das in einem Teller Suppe geendet hatte. Vater hatte noch gesagt: Und geh nie mit Medizinern aus! Hätte ich auf ihn gehört, wäre alles anders gekommen. Oder auch nicht. Darum bin ich hier. Ich bin mein Unglück.
Schade, das Lachen meiner Kinder hätte gut zu dem in den Sturm fliehenden Mädchen gepasst. Die hätten sich gut verstanden, aber ich blieb morgens im Spiegel und wurde ihre Mutter. Die Kinder retteten die Tage, die Hülle hatte einen Sinn. Und bekam Risse, wenn eine Nachbarin auf dem Rückweg von der Spielgruppe sagt: „Na wenigstens sind wir Mutter gewesen.“
Die Lichter des Wagens zogen mich magisch an. Ich wäre zwischen sie gesprungen, hätte ich nicht meine Tochter an der Hand gehabt. Sie hielt mich, während ich zweifelte, ob Mutter sein zum leben reicht.
Aus dem Glas des Badspiegels bestand die Hülle meiner Freundlichkeit. Aufgedampft auf meine Unebenheit warf das Quecksilber Zerrbilder, die das Wünschen meines Gegenüber gekonnt reflektierten.
Mein berühmtes Lächeln hinterliess schon Sedimente im Gesicht.
Lüg so wenig wie möglich, hatte Vater mir geraten, doch nicht gesagt, wie man das macht. Wie soll ich nicht lügen, Vater, wenn die Wahrheit morgens im Bad bleibt?
Und immer wieder Risse. Ich schiebe den Einkaufswagen durch den Supermarkt, die Kinder unruhig dabei. Und immer wieder Spiegel. Schräg hängen sie und lassen mehr Gemüse sehen als da wirklich liegt, lassen nur Gemüse sehen. In ihnen, ganz unerwartet, ein schwarzer Spalt für einen Blitz von Moment. Zwischen bunten Paprika reisst die Welt auf und ich sehe mich in Tiefen fallen, ins Nichts stürzen, beschossen mit geputztem Gemüse. Die Kinder schubsen rum, ich geifere sie an, greife mir ein Netz Kartoffeln, das reisst, noch ehe es im Wagen liegt. Gelächter, die Kinder johlen, eine helfende Hand.
Mir reisst das Netz!
Ich erstarre und bin für Momente wo ich jetzt bin, doch muss weiterleben und breche erst daheim zusammen. Erst als die Kinder abgefüttert, durchgeschmust und ins Bett gebracht sind, erlaube ich mir, mich ins Wohnzimmer auf den Boden zu legen und langsam zu erstarren. Mein Mann kommt diese Nacht nicht heim und ich erwache zitternd auf dem Teppich. Lange dauert, ehe ich fasse wo ich bin. Und lange, bis ich begreife, zu leben. Ich habe mich nicht gefreut. Habe die Treppe hoch zu den Kindern gesehen und mich nicht gefreut. Den Rest der Nacht lag ich mit einem gelben Mond in meinem Zimmer.
Vater besprach alles mit dem. Und ich alles mit Vater.
Herzchen, ich langweile dich! Schliesslich spricht das Nichts aus mir. Entschuldige das bitte. Um endlich wieder im Sturm zu sein, musste ich hierher kommen.
„Wir schaffen es! Wir schaffen es!“ sangen wir im Sturm. Pah! So hast du es wahrscheinlich nicht gemeint, Vater. Die Stürme des Lebens sind was für Schlager. Ich werde dich bald treffen, ich weiss.
Eine Tasse Tee erscheit.
Was ist denn das? Eine Tasse Tee. Na die sind lustig. Wozu gibt es hier Tee? Sieh nur Herzchen, wie er dampft. Ich brauche doch nichts mehr und du ganz sicher auch nicht. Was soll dann Tee? Keiner hier braucht irgendwas. Und schon gar keinen Tee! Ist das der Tod? Wenn man nur noch hat, was man nicht braucht? Herzchen lach nicht! Wir hatten auch eine kleine Schwimmhalle mit Gegenstromanlage. Wie ein Tier ist er in ihrem Rauschen dem Tod davon gekrault und zog mich Zug um Zug an ihn. Auch ich habe mit einem kleinen, gelben und sauteuren Auto so getan, als ob ich lebe. Nein, als ob ich Spass daran hätte. Dinge bringen Leid, das stimmt wirklich. Sie sollen die Risse flicken, die aus Abenden in einer Neubauküche Erinnerungen machen. Irgendwann ist nur noch Kitt. Jetzt ist das anders. Es gibt keine Trauer mehr über Verlorenes. Nun bin ich verloren. Und ganz bei mir. Im Nichts zu sein ist anders, als nichts zu leben.
Kosten wir den Tee! Es schmeckt nach Rosen oder Jasmin. Jasmin. Das Nichts gibt Zeichen, die eben keine sind. Wer nur lässt hier Tee auftauchen? Ist das ein Signal? Auch im Nichts stellt jemand die Tassen hin. Zeichen einer Macht? Was meinst du, Herzchen? Genauso viel und wenig wie ich hier bin, kann es eine Tasse auch sein, sagst du. Ach so. Das ist der offenste Raum von allen, da hat es auch Platz für alles, was Tassen einschliesst. Ich denke du hast Recht, mein schwerer Freund. Ein Jasminaufguss passt so gut ins Nichts wie ich. Nur wollte ich selbst hier her. Und die Tasse auch, sagst du, kaltes Herz. Das heisst aber, nicht ich bestimmte meine Reise. Oder ich bin nicht mehr als eine Tasse. Und beides ist wohl wahr, das wollte ich ja. Völlig ausser mir und ganz in mir zu gleich, bin ich jetzt die, die mir morgens im Spiegel davon lief und sich nachts den Dämonen überliess. In jeder Hinsicht.
Ja, er hat mich jede Nacht gefickt, der Tod. Und wie, sage ich dir Herzchen. Feuer hat er mir gemacht, wo nur noch warme Asche war. Flammen jede Nacht.
Irgendwann war ich froh, dass mein Mann mich vergessen hatte. Wir schenken uns den Versuch, die vergangene Lust, durch rhythmische Beschwörung immer vergangener zu machen. Slave of the rythm waren wir nicht. Und hatten ja auch zu tun. Er zauberte seine erstaunliche Karriere und ich schrieb meinen Doktor mit den Kindern auf dem Schoss, da blieben die Nächte ruhig. Seine. Besser so, als Turnübungen frisch geduscht eine Viertelstunde vor dem zur Seite drehen. Ein bisschen an den richtigen Schaltern fingern, das Nötige tun und jede empfängliche Stelle im Wissen um sie taub werden lassen. Kein Entdecken mehr, man kennt sich. Ich habe nicht zu klagen, er konnte mit meinem Körper umgehen. Eben. Er wusste mich zu behandeln, schliesslich war er Arzt.
Wenn das hier auch nur ein Transitort ist, ist es doch besser, als alles was war. Feuer können hier keine lodern, sollten es auch nicht müssen. Hier herrscht kaltes Erinnern an vergangene Körperlichkeit. Als ich nichts mehr wollte, kam ich diesem Reich hier immer näher. Als ich nichts mehr vermisste, war ich fast schon da. Als alle Lügen der Welt, geschmiedet in eine durch mein Leben schlugen, kam ich an.
Wer nichts vermisst, vermisst nur das Nichts.
IN
KEINER ZEIT
I
Stefanie trägt eine gefüllte, undurchsichtige Plastiktüte in der Hand.
Stefanie:
Ruhig ist das Licht.
Still wie ein fahler Wintermorgen höre ich die Schneekristalle tanzen, die die Welt zum Schweigen bringen und ihre Formen decken. Sie leuchten und sind heller als die Wolken, denen sie taumelnd fliehen, bilden einen dichten Vorhang der ständig vor uns fällt, ohne das irgendwas aufhört. Es fängt auch nichts an. Finden wir eigentlich alles schön, was wir nicht zählen können?
Wenn der Schneeschauer die Menschheit ist, dann bin ich die Flocke auf meiner Hand. Ich schmelze hin in dieses Nichts, das kein Stück mehr als Nichts ist.
Warum erscheint ich mir als Schneegestöber?
Hier gibt es weder Wasser noch Wind noch Landschaften, die im Weiss untergehen könnten. Hier dämpft das Prinzip, das auch Schnee möglich macht. Der sich auf mich legte, war so wenig frei, wie was er bedeckte. Seine Flocken schienen nur schwerelos, täuschten Freiheit vor und tanzten, bevor sie wie Geschosse in mich schlugen. Es war die Welt, auf deren Boden sie ihren Tanz beendeten, pappten, stauchten, Schichten bildeten, Eis, Sedimente und Lawinen. Ihr Tanz der Leichtigkeit rollte tonnenschwer über mich und nahm mir Licht und Luft. Hier tanze ich in meiner Hand. Kein Schmelzen. Kein Enden. Was wird aus mir?
Der Raum hat keine Wände, er ist Wand. Das Land hat keine Grenzen, kein Ende für den Blick in einem Horizont, denn das hier ist der Horizont, der Sehnsuchtsstrich, Treffpunkt der Dimensionen, die Grenze zu etwas, die Freiheit davon.
Im Leben geht es nach ihm weiter. Das ist das Ende, ohne ein danach. Hier bin ich auf dem Strich. Hinterm Horizont geht es weiter, doch auf ihm?
Nichts wird aus mir, denn ich bin weniger als ein paar feste Wassermoleküle. Tanz ist Kampf gegen Gravitation, der selbst für Schneeflocken verloren geht.
Doch hier schlagen sie keine Krater mehr in mich.
Hier haben Wunden keine Ursachen.
Wo bin ich? Komme ich am Ende an? Reise ich vom Anfang ab? Gehe ich durch? Ist das ein Ort oder schon keiner mehr? Sphärengrenze? Umsteigpunkt? Verkehrskreuz?
Scheideweg? Wo geht es hin? Die Enden liegen hinter mir, ich brauch kein Ziel.
Nicht mehr und darum bin ich hier. Ich brauch auch keinen Ort, da trifft man Menschen. Die sind so wenig gut für mich, wie ich für sie. Das weiche Nichts gefällt mir besser, es ist wie ich. Nur du, mein schweres Herz, was wird mit dir?
Wo ich dich nahm gab es zumindest ein Regal für dich und eine Ordnung, da hatten Herzen ihren Platz. Hier ist kein Platz und doch gehörst du her. Sei froh, dass du nicht stehen bliebst, so stehen geblieben, in dem Regal.
„Was wird aus mir?“ schienst du gleich mir zu schreien, aus deinem Glas. Eingelegt und beschriftet. Wartend. Worauf nur? Auf mich?
Ach Herz, du schmeichelst mir.
Es ist kein Oben und kein Unten hier.
Stellt den Beutel ab.
Egal wo du an keinem Ort bist.
Hörst du? Ohrenbetäubend diese Ruhe. Hätte ich um die gewusst, wäre ich eher gekommen. Die Bergung war sehr aufwändig, das hallt noch in den Zellen nach. Wie sie sich die Kommandos zuriefen, was sie unternahmen, wie sie zugriffen, immer wieder eingriffen in mich, mich halten wollten, die ich doch längst auf dem Weg war, mein Blut im Bach davon lief. Das war deren Kampf, mich bei ihnen zu halten, nicht meiner. Sie merkten nicht, dass sie mit meiner Vergangenheit spielten, ich schneite hier schon in meine eigene Hand, als sie sich meine Werte sagten. Es ist ihr Beruf, später als es vorbei ist, zu bemerken, dass es vorbei ist. Sie sagen sich Zahlen, neutral und unaufgeregt, doch in ihren Augen steht, was schon mit mir passiert ist. Das zu ignorieren ist ihr Job. Mein Rest nur Druckwerte, Sättigungen, Stromkurven.
Hier habe ich endlich Ruhe vor ihrem lauten Bemühen. Hier hat niemand keinem irgendwas zu sagen, ausser sich selbst. Die Ruhe scheint ewig, mich hört ja auch niemand. Ausser du, mein Herz, wegen dem ich ja da zu sein scheine.
Ist es ein Gefühl, oder nur noch die Erinnerung daran, wenn ich mir wie auf dem S-Bahnkreuz im Winter vorkomme? Von Irgendwoher kommend, in einem blinden Fleck der Stadt sitzend, einem Nervenkreuz doch blind, aufgehoben im Schneeregen, der, sich aufschmelzend, die kalten Schwellen trifft. Für einen Moment bei mir, frierend im Windzug wahrer, als ich dort sein werde, wohin ich fahre. Wo mich eine Kanne Tee, frisches Brot und gierige Augen erwarten. Für Minuten auf der glatten Treppe zwischen den Bahnsteigen und am klirrenden Gleis bin ich frei. Frei von jeder Erwartung. Frei von eigener und fremder Erwartung gehöre ich mir. Hoffnungslos mir.
Der Abend wird schön werden, heimelig die trockene Wärme der verfallenden Neubauwohnung, die er billig gemietet hat. Bei einem Eintopf werden wir auf hundert andere Küchenlichter blicken und aufgehoben sein in fremder Gemütlichkeit. Die werden wir bis ins Bett kopieren, erst dort werde ich für einen Moment Wahrheit wieder frei von allem sein, frei von fremder Wärme, die mich nichts angeht, weil ich kalt und weit bin, wenn ich mir selbst folge. Seine Gier in mir werde ich alles vergessen, vor allem ihn und jede Hoffnung.
In diesen Nächten vor fünfzehn Jahren traf ich meinen Tod schon.
Darum wohl fuhr ich immer wieder hin. Damals beim Studium.
Glaub mir, Herzchen.
Später an dem Ort, an dem es viele Kreuze doch keine S-Bahn gab, wo wir selbst Gemütlichkeit aus einem Haus strahlten, liess ich den Wagen oft in der Garage stehen, besonders im Herbst. Ich mochte es, an dunklen Spätnachmittagen in einem Buswartehäuschen zu sitzen und den Eilenden zuzusehen. Den Fremden in ihrer kleinen Stadt, die unter die tief hängenden Küchenlampen, vor die Fernseher und in die Betten strebten. Bus für Bus liess ich davon fahren und mir war wohler als Ihnen, da ich für diese Momente nirgendwohin wollte und Heimat in mir hatte.
Wie auf einer Berghütte. Aus der Welt für eine Nacht, es gibt nur Bleiben sobald es dunkel wird. Bald schliesst sich das Tal und du bekommst eine Ahnung von Einsamkeit, dem harten Genuss. Trostlos und erlösend in einem ist sie. Herzchen, du weißt wovon ich spreche.
Auch hier schliesst sich ein Raum, der nicht ist um mich. Erinnert er mich an Gefühle? Wozu? Wozu mein Herz? Wozu bildet er S-Bahnkreuze, Bushaltestellen und Berghütten? Warum fallen mir die Winternächte mit ihm im Neubaugebiet ein? Wieso gerade die, die ich doch schon vergessen hatte? Muss ich denn wissen, was ich lasse? Du weißt das doch auch nicht. Kam ich nicht her, weil ich keine Gefühle mehr wollte? Es tut nichts weh, wenn man die Brüstung hinter sich gelassen hat. Du musst loslassen, haben sie gesagt. Lass alles hinter dir.
Hinter mir? Wo soll das sein? Hier gibt es keine Richtung mehr, es kann auch alles vor mir liegen. Nein, das kann es nicht, nichts kann mehr vor mir sein, als das was hinter mir war. Und genau da wollte ich hin, Nichts im Nichts werden. Vielleicht vergisst man im dunklen Schneewolkenweiss, was man hinter sich hatte. Ich bin nicht mehr die, die ich mal war und werde auch nichts Neues mehr. Ich bin gestoppt. Ein für alle mal, zum Glück. Das ist der eine Moment, in dem ich sehe, wie wenig ich war, wie wenig wahr ich war.
Für diese Welt hätte es gereicht, nicht aber für mich.
Ich erinnere, was ich fühlte, damals als es noch ein Gestern gab. Erst zum Schluss spürte ich nichts mehr. Im Nichts zu sein war immer mein Wunsch. Im Nichts zu leben, die Hölle der Tage. Turbulent mit den Kindern, die alles retten, erst abends diese abwesende Temperatur des Mannes, dessen Gier nach mir mich mal von mir befreite und den ich dafür liebte; der jetzt fern neben mir sitzt und dann wie tot ins Bett, wieder neben diesen Mann, der Tabletten nimmt, um ausreichend Schlaf für sein Tagwerk zu bekommen. Das besteht aus Konzentration und Heldenmut. Wie schön für ihn. Erst in den Träumen kann ich sterben. Ungeheuer reissen mich immer wieder aus den Armen meiner Kinder um mich mit sich zu nehmen. Dahin, wo ich jetzt bin.
Endlich. Endgültig. Endlich endgültig.
Die Nächte waren ein Grauen, aber sie waren mir. Hier ist alles aus solcher Nacht und hell wie nie ein Tag sein kann.
Vor dem Spiegel stand ich, unter dem riesigen Fenster, das er ins Dach überm Bad hatte schneiden lassen und sah morgens der Frau aus meinen Träumen nach. Sie verwandelte sich zu einem Mädchen, zu mir, bevor sie ganz verschwand. Im Spiegel blieb, was ich am meisten hasse, mein schönes Gesicht. Zerschnitten sah ich mich davon gehen und lachte mir nach, denn das Gejohle der Kinder drang endlich durch die Türen. Sie holten mich in ihren Trubel, den nur ein Teil von mir genoss. Der andere steckte im Spiegel. Das Mädchen, das ich selbst gewesen war. Die kleine Marschiererin.
So nannte mich mein Vater. „Die kleine Marschiererin“. Der Herr Professor plante gern und schlecht, besonders im Urlaub. Die Gegenwart war nicht sein Grabungsfeld. Kein Ausflug ohne Havarie, Irrweg, Panne oder ein verpasstes Schiff. Am Ende einer unserer Runden an die Steilküsten der Insel, auf deren Felsen er ausgiebig ihre Geschichte referiert hatte, war der letzte Bus im Dorf davon und Dunkelheit raste von Land heran. Bedrohliches nahte am Himmel, Wolken so fett und schwarz wie ich sie noch nie gesehen hatte. Mutter bestand auf ein Taxi, das nur auf uns zu warten schien. Vater gab ihr sein Geld und schlug den Fussweg in die Ebene ein. An ihrer Hand beobachtete ich die Szene. Noch nie hatte ich meine Mutter ausser sich erlebt und schreien hören. Hier schimpfte sie mit überschlagender Stimme auf offener Strasse, nannte ihn verbohrt und Esel, ein unverantwortliches Arschloch, tobte im Staub vor ihm, zur Freude der Sarden, die vor der Bar auf den Regen warteten.
Seitdem liebe ich Inseln, da brüllen sich Erwachsene in der Sprache an, die sie mitbringen.
Er sagte nicht viel, doch wie er meine Mutter ansah, zog mich zu meinem Vater. Ich riss mich von ihr los und floh zu seinen traurigen Augen. Dann gingen wir in das Unwetter. Im Taxi erlebt man nichts, sagte er nur und erklärte mir auf dem Weg durch den Wolkenbruch, wie die Berge entstanden waren, die hier die Wolken zwangen, sich zu entleeren. Sediment war sein Lieblingswort, wie Schichten auch. Das gab er mir mit, die Sehnsucht nach den Gründen unter dem Grund. Den Sturm wollte er mir auch noch erklären, dann musste er mich halten und uns beide gegen den Wind vom Land stemmen. Zum Schluss beschwörten wir uns singend: „Der Sturm der ist ein blöder Wicht, doch kennt er unseren Willen nicht!“ und kamen nass, durchgefroren und überglücklich im Ferienhaus an. Die Sturmnacht wurde das Erlebnis meiner Kindheit. Von da an war Mutter eine grosse Freundin, die ich gefährlich nötig hatte.
Doch er, mein Vater, war der Mann, der mit mir durch den Sturm ging. Einfach so, weil es Spass macht. Er gab mir Bücher und zeigte mir Steine, tausende Steine. Bau dir deine Brücken daraus selbst, sagte er, ich kann dir nur ab und an einen Trick verraten. Fünf war ich im Sturm und neunzehn, als er abends vom Tisch fiel. Der Herr Professor hörte Volksmusik, löffelte Suppe und lästerte über die Uni. Dann lag sein Kopf auf dem Teller. Nachts kam meine Mutter allein aus dem Spital zurück, ihr Blick machte mir Angst.
Er war einfach gestorben. Und der Sturm fing gerade erst an. Am Tag nach der Beerdigung schickte ich die Bewerbung für das Archäologiestudium ab. Sein Beruf war, zu suchen und zu verstehen was er fand. Aber das Mysterium blieben die Schichten. Gemeinsam hatten wir Abende lang am Ofen gesessen und uns ausgemalt, wie viele Füsse in wie vielen Zeiten die Scherbe festgetreten haben mochten. Zu dem was er tags katalogisierte, erfand er am Kamin mit mir die Leben. Einmal schenkte er mir ein Stück Lederriemen. Der lag drei Schichten und fünfhundert Jahre über den Münzen, sagte er. Dann liessen wir den Jungen noch mal durch die Strassen der Hafenstadt rennen, bis die Sandale kaputt war. Ein Leben zu erfinden, habe ich bei ihm gelernt, die Kraft dazu von ihm geerbt. Mutter liess ich allein und ging in die Stadt mit den S-Bahnkreuzen studieren. Mein Leben sollte in die Sedimente führen, wie seines, das in einem Teller Suppe geendet hatte. Vater hatte noch gesagt: Und geh nie mit Medizinern aus! Hätte ich auf ihn gehört, wäre alles anders gekommen. Oder auch nicht. Darum bin ich hier. Ich bin mein Unglück.
Schade, das Lachen meiner Kinder hätte gut zu dem in den Sturm fliehenden Mädchen gepasst. Die hätten sich gut verstanden, aber ich blieb morgens im Spiegel und wurde ihre Mutter. Die Kinder retteten die Tage, die Hülle hatte einen Sinn. Und bekam Risse, wenn eine Nachbarin auf dem Rückweg von der Spielgruppe sagt: „Na wenigstens sind wir Mutter gewesen.“
Die Lichter des Wagens zogen mich magisch an. Ich wäre zwischen sie gesprungen, hätte ich nicht meine Tochter an der Hand gehabt. Sie hielt mich, während ich zweifelte, ob Mutter sein zum leben reicht.
Aus dem Glas des Badspiegels bestand die Hülle meiner Freundlichkeit. Aufgedampft auf meine Unebenheit warf das Quecksilber Zerrbilder, die das Wünschen meines Gegenüber gekonnt reflektierten.
Mein berühmtes Lächeln hinterliess schon Sedimente im Gesicht.
Lüg so wenig wie möglich, hatte Vater mir geraten, doch nicht gesagt, wie man das macht. Wie soll ich nicht lügen, Vater, wenn die Wahrheit morgens im Bad bleibt?
Und immer wieder Risse. Ich schiebe den Einkaufswagen durch den Supermarkt, die Kinder unruhig dabei. Und immer wieder Spiegel. Schräg hängen sie und lassen mehr Gemüse sehen als da wirklich liegt, lassen nur Gemüse sehen. In ihnen, ganz unerwartet, ein schwarzer Spalt für einen Blitz von Moment. Zwischen bunten Paprika reisst die Welt auf und ich sehe mich in Tiefen fallen, ins Nichts stürzen, beschossen mit geputztem Gemüse. Die Kinder schubsen rum, ich geifere sie an, greife mir ein Netz Kartoffeln, das reisst, noch ehe es im Wagen liegt. Gelächter, die Kinder johlen, eine helfende Hand.
Mir reisst das Netz!
Ich erstarre und bin für Momente wo ich jetzt bin, doch muss weiterleben und breche erst daheim zusammen. Erst als die Kinder abgefüttert, durchgeschmust und ins Bett gebracht sind, erlaube ich mir, mich ins Wohnzimmer auf den Boden zu legen und langsam zu erstarren. Mein Mann kommt diese Nacht nicht heim und ich erwache zitternd auf dem Teppich. Lange dauert, ehe ich fasse wo ich bin. Und lange, bis ich begreife, zu leben. Ich habe mich nicht gefreut. Habe die Treppe hoch zu den Kindern gesehen und mich nicht gefreut. Den Rest der Nacht lag ich mit einem gelben Mond in meinem Zimmer.
Vater besprach alles mit dem. Und ich alles mit Vater.
Herzchen, ich langweile dich! Schliesslich spricht das Nichts aus mir. Entschuldige das bitte. Um endlich wieder im Sturm zu sein, musste ich hierher kommen.
„Wir schaffen es! Wir schaffen es!“ sangen wir im Sturm. Pah! So hast du es wahrscheinlich nicht gemeint, Vater. Die Stürme des Lebens sind was für Schlager. Ich werde dich bald treffen, ich weiss.
Eine Tasse Tee erscheit.
Was ist denn das? Eine Tasse Tee. Na die sind lustig. Wozu gibt es hier Tee? Sieh nur Herzchen, wie er dampft. Ich brauche doch nichts mehr und du ganz sicher auch nicht. Was soll dann Tee? Keiner hier braucht irgendwas. Und schon gar keinen Tee! Ist das der Tod? Wenn man nur noch hat, was man nicht braucht? Herzchen lach nicht! Wir hatten auch eine kleine Schwimmhalle mit Gegenstromanlage. Wie ein Tier ist er in ihrem Rauschen dem Tod davon gekrault und zog mich Zug um Zug an ihn. Auch ich habe mit einem kleinen, gelben und sauteuren Auto so getan, als ob ich lebe. Nein, als ob ich Spass daran hätte. Dinge bringen Leid, das stimmt wirklich. Sie sollen die Risse flicken, die aus Abenden in einer Neubauküche Erinnerungen machen. Irgendwann ist nur noch Kitt. Jetzt ist das anders. Es gibt keine Trauer mehr über Verlorenes. Nun bin ich verloren. Und ganz bei mir. Im Nichts zu sein ist anders, als nichts zu leben.
Kosten wir den Tee! Es schmeckt nach Rosen oder Jasmin. Jasmin. Das Nichts gibt Zeichen, die eben keine sind. Wer nur lässt hier Tee auftauchen? Ist das ein Signal? Auch im Nichts stellt jemand die Tassen hin. Zeichen einer Macht? Was meinst du, Herzchen? Genauso viel und wenig wie ich hier bin, kann es eine Tasse auch sein, sagst du. Ach so. Das ist der offenste Raum von allen, da hat es auch Platz für alles, was Tassen einschliesst. Ich denke du hast Recht, mein schwerer Freund. Ein Jasminaufguss passt so gut ins Nichts wie ich. Nur wollte ich selbst hier her. Und die Tasse auch, sagst du, kaltes Herz. Das heisst aber, nicht ich bestimmte meine Reise. Oder ich bin nicht mehr als eine Tasse. Und beides ist wohl wahr, das wollte ich ja. Völlig ausser mir und ganz in mir zu gleich, bin ich jetzt die, die mir morgens im Spiegel davon lief und sich nachts den Dämonen überliess. In jeder Hinsicht.
Ja, er hat mich jede Nacht gefickt, der Tod. Und wie, sage ich dir Herzchen. Feuer hat er mir gemacht, wo nur noch warme Asche war. Flammen jede Nacht.
Irgendwann war ich froh, dass mein Mann mich vergessen hatte. Wir schenken uns den Versuch, die vergangene Lust, durch rhythmische Beschwörung immer vergangener zu machen. Slave of the rythm waren wir nicht. Und hatten ja auch zu tun. Er zauberte seine erstaunliche Karriere und ich schrieb meinen Doktor mit den Kindern auf dem Schoss, da blieben die Nächte ruhig. Seine. Besser so, als Turnübungen frisch geduscht eine Viertelstunde vor dem zur Seite drehen. Ein bisschen an den richtigen Schaltern fingern, das Nötige tun und jede empfängliche Stelle im Wissen um sie taub werden lassen. Kein Entdecken mehr, man kennt sich. Ich habe nicht zu klagen, er konnte mit meinem Körper umgehen. Eben. Er wusste mich zu behandeln, schliesslich war er Arzt.
Wenn das hier auch nur ein Transitort ist, ist es doch besser, als alles was war. Feuer können hier keine lodern, sollten es auch nicht müssen. Hier herrscht kaltes Erinnern an vergangene Körperlichkeit. Als ich nichts mehr wollte, kam ich diesem Reich hier immer näher. Als ich nichts mehr vermisste, war ich fast schon da. Als alle Lügen der Welt, geschmiedet in eine durch mein Leben schlugen, kam ich an.
Wer nichts vermisst, vermisst nur das Nichts.

