Nichts ganz für sich - EIN TOTENTANZ - 2. Akt
II
Dörte betritt die Szene. Sie hat ein Loch im Bauch, durch das man hindurchschauen kann.
Dörte:
Guten Tag auch. Entschuldige, wenn ich deinen Vortrag störe. Gehörst du noch zum Krankenhaus? Psychiatrie, oder so?
Stefanie:
Nein, wieso?
Dörte:
Du redest die ganze Zeit von Nichts.
Stefanie:
Sieh dich um. Wo sind wir? Sieh in deine Mitte. Was ist da? Nichts!
Dörte:
Mag sein, nur musst du die ganze Zeit davon reden?
Stefanie:
Um dem Ort gerecht zu werden. So viel wird nie mehr durch mich fliessen.
Dörte:
So entleert man Schildkröten. Eine Art Badeklo.
Stefanie:
Das gab es nicht nur für Schildkröten. Auch vom subaqualen Darmbad hat mir mein Mann erzählt. Seit wann hörst du zu?
Dörte:
Kurz oder lang, ich kann es nicht sagen, das ging immer so hin und her. Und laut. Mal war es deine leise Stimme, dann kreischte wieder eine Flex durch Stahl. Die haben sich sehr bemüht. Der Lärm der Retter nahm nur langsam ab.
Aber lass Dich nicht stören. Rede nur weiter, ich bin sowieso gleich weg. Was ist das hier? Ein Zwischenlager? Oder Warteraum? Oder das Vorzimmer zum jüngsten Gericht? Oh Gott!
Stefanie:
Hast du Angst?
Dörte:
Ich glaube schon.
Stefanie:
Mach dir keine Sorgen. Hier kann man nur noch wissen, und so wird sich auch deine Angst verlieren. Du brauchst den Glauben nicht mehr, er hat sich erfüllt.
Dörte:
Wie erfüllt?
Stefanie:
Na viel mehr wird nicht passieren. Das ist hier ist alles! Alles und nichts sozusagen. Die Rendite der Kirchensteuer ist dürftig, jetzt am Zahltag.
Dörte:
Quatsch, Zahltag. Ausserdem bin ich ausgetreten. Erzogen bin ich zwar katholisch, aber es ist doch gleichgültig, wie man das Nirwana nennt. Mir ist egal wo ich bin, denn ich bin aufgehoben. Du hast Recht, selbst das jüngste Gericht war nur eine Erinnerung. Wie ein Blitz. Wir werden hier nicht bleiben, doch es wird auch nicht weitergehen. Ich weiss schon, wo ich bin. Ich warte noch auf meinen Mann, wir haben noch was zu bereden.
Stefanie:
Kommt der auch?
Dörte:
Ganz sicher, ich frage mich nur, wo er bleibt. Es ist wie immer, immer hat er noch einen Termin oder trifft jemand Wichtigen. Die beste Investition sind zwei Gläser Wein, hat er immer gesagt. Weißt du, er handelte mit Textilien und war gut im Geschäft. Und trank genügend Wein und häufig mit den Richtigen. Dazu zähle ich mich auch. Wie ein vollgesogener Wischlappen fiel er abends auf die Couch, gefüllt vom Tag und halb besoffen vom Wein und seinem eigenen Gelaber. Ich habe ihn dann ausgewrungen.
Stefanie:
Wieso bist du so sicher, dass er auch kommt? Erinnerst du dich etwa?
Dörte:
Mein letztes Stäubchen trägt diesen Augenblick noch in sich. Er hat uns an den Baum gefahren. Nein, das ist keine Erinnerung, das ist ein Loch da wo mal mein Bauch war und das wird Bestand haben, auch wenn sonst nichts mehr von mir ist. Ich sah uns beide von oben. Er lag auf dem Feld und ich war scheusslich eingeklemmt zwischen Sitz und Baum, in mir den Motor seines Autos. Über mich haben sie bald eine Plane geworfen, aber um ihn rangelten sie noch lange.
Stefanie:
Vielleicht kommt er nicht.
Dörte:
Ich bin mir ganz sicher, denn er war neben mir, bis sie ihn in den Wagen luden. Wie ein Nebelschatten war er um mich. Nein ganz sicher, er kommt noch. Typisch mein Mann, der geht nicht einfach so tot, der macht noch einen Umweg. Das Geld liegt auf der Strasse, doch meist auf den Umwegen. Auch einer seiner Sprüche.
Stefanie:
War er betrunken?
Dörte:
Völlig nüchtern, das ist ja das Elend. Wie gesagt, wir haben einiges zu besprechen. Er wird bald kommen.
Stefanie:
Zum Glück gibt es hier keine Hoffnung, denn die müsste ich dir rauben. Oder kannst du mir sagen, wie lange du schon hier bist?
Dörte:
Seit…Nein das geht nicht. Keine Ahnung.
Stefanie:
Und wann bist du gestorben?
Dörte:
Gestern. Heute! Morgen?
Stefanie:
Siehst du, es gibt so wenig Zeit, wie das ein Raum ist. Ich war schon vor dir hier und kann durchaus nach dir gestorben sein. Verstehst du? Warte besser nicht auf ihn.
Dörte:
Das fang ich jetzt auch nicht mehr an. Ich hatte ein Leben lang genug zu tun und keine Zeit auf ihn zu warten. Oder es zu bemerken. Nein, ich warte nicht auf ihn, aber er kommt.
Stefanie:
Und woher?
Dörte:
Er war bei mir, seit er verrenkt da unten auf dem Acker lag. Seitdem weiss ich es. Erst mit den Sirenen verschwand er und ich sah zu, wie sie mich heraus schweissten. Und dann war da das Licht hinter mir. Wie ein ferner Schneesturm am Himmel. Es zog mich einfach in sich. Lange flog ich durch steinerne Wolkenbänke, bis ich die Ruhe hörte. Dazwischen das Fluchen der Feuerwehrmänner. Dann war ich plötzlich hier in deiner beredten Stille. Und alles war vergangen. Gleichgültig schaue ich auf mein Gelebtes zurück, als sei es fremd. Das wohl ist der Sinn des Unortes hier oder der Unsinn dieses Ortes. Nur eines weiss ich noch ganz sicher: Ich werde mit ihm sprechen, bevor wir beide alles werden. Wo wenn nicht hier, denn weiter geht es nicht.
Stefanie:
Magst du Tee?
Dörte:
Was für welchen?
Stefanie:
Jasminblüten.
Dörte:
Nein danke. Den konnte ich um den Tod nicht ausstehen. Dabei bleibe ich, auch wenn es jetzt egal ist. Ich kannte jemanden, bei dem roch die ganze Wohnung danach. Sekt war schon im Leben ein besonders sinnloses Getränk, das würde besser passen. Kellner! Eine Flasche Sekt für die Damen!
Stefanie:
Der jüngste Gerichtsdiener bringt den Aperitif. Ich möchte dein Gesicht nicht sehen, führte jemand die Bestellung aus.
Du würdest sterben vor Angst, wärst du nicht schon tot.
Dörte:
Wahrscheinlich. Komisch, wir bleiben wer wir waren, auch wenn wir nicht mehr sind. Du hast mich voll erwischt. Sektlaune und Kirchenbank, das waren meine Pole. Dann lass ich es, den Tee will ich auf keinen Fall. Man muss ja auch nichts trinken. Im Leben war das anders. Manchmal, wenn die Kleine weg war, sind wir richtig miteinander abgestürzt. Nur bei mir kann er völlig gelöst und frei betrunken sein, hat er immer gesagt. Und bei ihm lernte ich, mir nach getaner Arbeit auch mal richtig einen zu gönnen. Das war bei meinen Eltern anders. Da wurde nach getaner Arbeit an die zu tuende gedacht. Ich aber stand verkatert im Geschäft und verkroch mich mittags vorm Altar statt zu essen.
Er mochte dicke Frauen nicht.
Stefanie:
Habt ihr es nur betrunken miteinander ausgehalten?
Dörte:
Durchaus nicht, aber wir hatten dieselbe Art, den Tag ausklingen zu lassen. Das traf sich halt. Sonst haben wir uns ja kaum gesehen. Er immer unterwegs, ich im Laden. Oft blieb er auch weg, doch nie länger als zwei Nächte.
Stefanie:
Das kannte ich auch. Mein Mann ist Arzt.
Dörte:
Wenn meiner da war, dann sehr präsent. Präsent für mich, was mich ehrte.
Aber ich genoss die Abende allein, ging aus oder pflegte den Bekanntenkreis am Telefon, schrieb Briefe, badete, salbte mich.
Stefanie:
Für ihn.
Dörte:
Für mich! Ich war gut zu mir. Schliesslich tat ich meinen Teil zum Leben dazu und hatte mir auch was verdient. Mich selbst für Abende. Sonst war doch alles verwoben mit ihm. Versteh mich nicht falsch, das wollte ich so. Aber kleine Auszeiten waren mir immer willkommen.
Stefanie:
Auszeit. Schönes Wort. Die Zeit in der es aus ist. Mir hätten da Abende nicht gereicht. Einmal erzählte ich meinem Mann beiläufig von der berühmten Freundin, die in eine Auszeit mit ihrem Mann gegangen war. Er spielte dann lange an seiner Zigarre, so eine grosse, die sie rauchen, weil sie im Golfjournal ihres Chefarztes beworben werden. „Da kann man sich gleich scheiden lassen.“, hat er nur gemeint und schon mal Riesenwolken in die Luft gepafft. Aus ist aus.
Dörte:
Liesst ihr euch scheiden?
Stefanie:
Dazu kam es nicht mehr. Ich hatte nicht soviel Glück wie du.
Dörte:
Glück hatte ich, wir haben uns geliebt.
Stefanie:
Bis an den Baum?
Dörte:
Bis an den Baum. Vom ersten bis zum letzten Hemd.
Ganz am Anfang landeten wir beide ziemlich betrunken nach der Disko bei mir und er erzählte mir zum ersten Mal von den fünftausend T-Shirts, die er, weiss der Zoll woher, kaufen könnte. Er war sich wohl nicht ganz sicher und fragte ausgerechnet mich um Rat. Da waren wir achtzehn. Ich wollte sofort einen Laden aufmachen und die verhökern. Alle fünftausend, jedes einzelne für ihn verkaufen. Sieben Jahre sassen wir auf den Teilen, waren aber ein glückliches Paar. Dann fiel zum Glück die Mauer und er liess einfach „Deutschland“ drauf drucken. Wir verkauften alle, in sechs Wochen. Später kam ich dann auch zu meinem Laden. Er wurde ein richtig guter Händler. Und wir blieben wie selbstverständlich zusammen, er handelte und ich machte die Bücher. Er war gut. Dann bauten wir das grosse Haus für unsere Tochter und ich blieb daheim. Er wurde immer besser und mir gefiel nicht, dass er für alles sorgte und ich für das Haus. Wir redeten darüber und er gab mir Startkapital für den Laden. Eine feine Boutique auf dem Land, sehr selten und etwas sinnlos. Aber Irgendwann hatte sich auch in der Stadt herumgesprochen, welch selten schönen Stücke bei mir recht preiswert hingen. Viele davon schleppte er autoweise von seinen Reisen zu mir. Händler durch und durch hatte er manchmal mehr Feuer für den Laden als ich. Ein Viertel der Einkünfte kam von mir und wir waren stolz auf mich.
Stefanie:
Beneiden würde ich dich, hätte ich noch einen Willen.
Dörte:
Es war anstrengend, denn der Antrieb war er. Ich hätte auch ruhiger gekonnt, wollte aber mithalten. Um Geld ging es nicht. Er war besessen vom Handeln und nur darum so gut. Trotz der ewig schlechten Zeiten. Wenn wenig gekauft wird, ist die gute Ware billig. Und gute Ware verkauft man immer. Sagte er und auch mein Laden brummte. Beide waren wir immer beschäftigt. Ein erfülltes Leben.
Stefanie:
Ein gefülltes Leben.
Dörte:
Angefüllt und geschäftig, ja. Man soll doch leben was man ist. Oder? Wir hatten keine Zeit für Weltschmerz, aber für Arbeit und Spass. Nenn es wie du willst. Was hast denn du gemacht?
Stefanie:
Ich war Archäologin, also ich habe das studiert. Dann führte ich den Haushalt eines Chirurgen und erzog seine Kinder. Mein Laden war die Doktorarbeit, aber er hat nie aufgemacht. Ich hätte reisen müssen und nicht immer umziehen. Alle Jahre rief mich mein Doktorvater an und lud mich zu Grabungen ein. Im Moment völlig unmöglich, sagte mein Mann zehn Jahre lang. Wenn ich die ordentliche Professur habe, bist du dran, hat er mir später versprochen.
Dörte:
Und?
Stefanie:
Er wird nie Professor.
Dörte:
Nie?
Stefanie:
Nie. Das weiss ich so sicher, wie du noch mal mit deinem Mann sprechen wirst. Du sahst euch von eurem Auto zermalmt, sahst das eine Mal im Leben in die Zukunft. So ging es mir ständig. Ich sah mich tot und war schon lange nicht mehr bei den Lebenden.
Dörte:
Und ein Arzt hätte dir nicht helfen können?
Stefanie:
Mit Sicherheit nicht. Einer davon hat mir gereicht.
Dörte:
Wie bist du gestorben?
Stefanie:
Auf meinem Weg.
Dörte:
Ich auch, zurück von der Schwiegermutter nach Hause. Wohin führte deiner?
Stefanie:
Auch nach Hause.
Dörte:
Weißt du nicht, wie du starbst?
Stefanie:
Ich weiss warum. Da waren Gespräche, Telefonate und diese Zeitung mit der Schlagzeile vom Ikarus. Dann hielt mich mein Vater. Er stand da im flachen Flussbett und fing mich in seinen Armen auf. Sonst wäre ich zerschellt. Ich war gefallen und Vater hat mich aufgehalten. Loslassen hatten sie gesagt, du musst einfach loslassen. Das tat ich.
Der Fall war schön, ich landete bei Papa.
Dörte:
Mehr weißt du nicht?
Stefanie:
Nein, weil ich schon lange vorher tot war. Das war nur ein Affekt, den habe ich vergessen.
Dörte:
Du hast dich umgebracht.
Stefanie:
Ja, zehn Jahre vorher, als ich die erste Grabung absagte.
Dörte:
Weißt du es wirklich nicht?
Stefanie:
Nein. Es ist auch völlig gleichgültig.
Dörte:
Das stimmt. Wie man hier her kommt ist egal. Aber früher hätte ich dich sehr abgelehnt. Das Leben war viel zu schön, um es wegzuwerfen.
Stefanie:
Eben.
Dörte:
Ich war ein Unfall. Das ist wenigstens sinnlos.
Stefanie:
Ich war auch ein Unfall und ebenfalls sinnlos. Er passierte, weil mein Vater vergessen hatte, mir zu zeigen, wie man aus alten Steinen neue Brücken baut und nicht von ihnen springt. Er starb einfach. Ich wusste nur, wie man gegen den Wind geht. Er selbst war der Sturm, der mich in sein Grab riss. Die Liebe zu meinem Mann war nur eine Wiedergeburt auf Zeit für mich, die Hochzeit schon ihr windstilles Ende. Mir zuzuhören hat ihn nur zwei Jahre lang gefesselt. Zum Schluss hat es ihn genervt und ich habe geschwiegen. Dummerweise liebte ich ihn immer noch, diesen energischen Jungen, dessen Ziele schneller näher kamen, als er sie fokussieren konnte. So waren seine Siege gross und ungenau. Ich bewunderte den Weg, auf dem er mich zurückliess. Sicher hätte ich um meine Doktorarbeit kämpfen können, aber ich stand stumm und gelähmt wieder an einem Grab. Hinter mir donnerten die Einschläge seiner Kämpfe. Da merkte ich, dass ich nicht sterben konnte, denn ich war schon tot. Eigentlich ging es von da an leichter. Meine Kinder und Dämonen reichten mir.
Dörte:
Verzeih, aber in deinem Fall erlaube ich mir die Frage, was wird aus deinen Kindern?
Stefanie:
Erst als mir das egal war, war ich wirklich tot. Es sind auch seine.
Dörte:
Das hätte ich dir im Leben übel genommen.
Stefanie:
Ich mir auch.
Dörte betritt die Szene. Sie hat ein Loch im Bauch, durch das man hindurchschauen kann.
Dörte:
Guten Tag auch. Entschuldige, wenn ich deinen Vortrag störe. Gehörst du noch zum Krankenhaus? Psychiatrie, oder so?
Stefanie:
Nein, wieso?
Dörte:
Du redest die ganze Zeit von Nichts.
Stefanie:
Sieh dich um. Wo sind wir? Sieh in deine Mitte. Was ist da? Nichts!
Dörte:
Mag sein, nur musst du die ganze Zeit davon reden?
Stefanie:
Um dem Ort gerecht zu werden. So viel wird nie mehr durch mich fliessen.
Dörte:
So entleert man Schildkröten. Eine Art Badeklo.
Stefanie:
Das gab es nicht nur für Schildkröten. Auch vom subaqualen Darmbad hat mir mein Mann erzählt. Seit wann hörst du zu?
Dörte:
Kurz oder lang, ich kann es nicht sagen, das ging immer so hin und her. Und laut. Mal war es deine leise Stimme, dann kreischte wieder eine Flex durch Stahl. Die haben sich sehr bemüht. Der Lärm der Retter nahm nur langsam ab.
Aber lass Dich nicht stören. Rede nur weiter, ich bin sowieso gleich weg. Was ist das hier? Ein Zwischenlager? Oder Warteraum? Oder das Vorzimmer zum jüngsten Gericht? Oh Gott!
Stefanie:
Hast du Angst?
Dörte:
Ich glaube schon.
Stefanie:
Mach dir keine Sorgen. Hier kann man nur noch wissen, und so wird sich auch deine Angst verlieren. Du brauchst den Glauben nicht mehr, er hat sich erfüllt.
Dörte:
Wie erfüllt?
Stefanie:
Na viel mehr wird nicht passieren. Das ist hier ist alles! Alles und nichts sozusagen. Die Rendite der Kirchensteuer ist dürftig, jetzt am Zahltag.
Dörte:
Quatsch, Zahltag. Ausserdem bin ich ausgetreten. Erzogen bin ich zwar katholisch, aber es ist doch gleichgültig, wie man das Nirwana nennt. Mir ist egal wo ich bin, denn ich bin aufgehoben. Du hast Recht, selbst das jüngste Gericht war nur eine Erinnerung. Wie ein Blitz. Wir werden hier nicht bleiben, doch es wird auch nicht weitergehen. Ich weiss schon, wo ich bin. Ich warte noch auf meinen Mann, wir haben noch was zu bereden.
Stefanie:
Kommt der auch?
Dörte:
Ganz sicher, ich frage mich nur, wo er bleibt. Es ist wie immer, immer hat er noch einen Termin oder trifft jemand Wichtigen. Die beste Investition sind zwei Gläser Wein, hat er immer gesagt. Weißt du, er handelte mit Textilien und war gut im Geschäft. Und trank genügend Wein und häufig mit den Richtigen. Dazu zähle ich mich auch. Wie ein vollgesogener Wischlappen fiel er abends auf die Couch, gefüllt vom Tag und halb besoffen vom Wein und seinem eigenen Gelaber. Ich habe ihn dann ausgewrungen.
Stefanie:
Wieso bist du so sicher, dass er auch kommt? Erinnerst du dich etwa?
Dörte:
Mein letztes Stäubchen trägt diesen Augenblick noch in sich. Er hat uns an den Baum gefahren. Nein, das ist keine Erinnerung, das ist ein Loch da wo mal mein Bauch war und das wird Bestand haben, auch wenn sonst nichts mehr von mir ist. Ich sah uns beide von oben. Er lag auf dem Feld und ich war scheusslich eingeklemmt zwischen Sitz und Baum, in mir den Motor seines Autos. Über mich haben sie bald eine Plane geworfen, aber um ihn rangelten sie noch lange.
Stefanie:
Vielleicht kommt er nicht.
Dörte:
Ich bin mir ganz sicher, denn er war neben mir, bis sie ihn in den Wagen luden. Wie ein Nebelschatten war er um mich. Nein ganz sicher, er kommt noch. Typisch mein Mann, der geht nicht einfach so tot, der macht noch einen Umweg. Das Geld liegt auf der Strasse, doch meist auf den Umwegen. Auch einer seiner Sprüche.
Stefanie:
War er betrunken?
Dörte:
Völlig nüchtern, das ist ja das Elend. Wie gesagt, wir haben einiges zu besprechen. Er wird bald kommen.
Stefanie:
Zum Glück gibt es hier keine Hoffnung, denn die müsste ich dir rauben. Oder kannst du mir sagen, wie lange du schon hier bist?
Dörte:
Seit…Nein das geht nicht. Keine Ahnung.
Stefanie:
Und wann bist du gestorben?
Dörte:
Gestern. Heute! Morgen?
Stefanie:
Siehst du, es gibt so wenig Zeit, wie das ein Raum ist. Ich war schon vor dir hier und kann durchaus nach dir gestorben sein. Verstehst du? Warte besser nicht auf ihn.
Dörte:
Das fang ich jetzt auch nicht mehr an. Ich hatte ein Leben lang genug zu tun und keine Zeit auf ihn zu warten. Oder es zu bemerken. Nein, ich warte nicht auf ihn, aber er kommt.
Stefanie:
Und woher?
Dörte:
Er war bei mir, seit er verrenkt da unten auf dem Acker lag. Seitdem weiss ich es. Erst mit den Sirenen verschwand er und ich sah zu, wie sie mich heraus schweissten. Und dann war da das Licht hinter mir. Wie ein ferner Schneesturm am Himmel. Es zog mich einfach in sich. Lange flog ich durch steinerne Wolkenbänke, bis ich die Ruhe hörte. Dazwischen das Fluchen der Feuerwehrmänner. Dann war ich plötzlich hier in deiner beredten Stille. Und alles war vergangen. Gleichgültig schaue ich auf mein Gelebtes zurück, als sei es fremd. Das wohl ist der Sinn des Unortes hier oder der Unsinn dieses Ortes. Nur eines weiss ich noch ganz sicher: Ich werde mit ihm sprechen, bevor wir beide alles werden. Wo wenn nicht hier, denn weiter geht es nicht.
Stefanie:
Magst du Tee?
Dörte:
Was für welchen?
Stefanie:
Jasminblüten.
Dörte:
Nein danke. Den konnte ich um den Tod nicht ausstehen. Dabei bleibe ich, auch wenn es jetzt egal ist. Ich kannte jemanden, bei dem roch die ganze Wohnung danach. Sekt war schon im Leben ein besonders sinnloses Getränk, das würde besser passen. Kellner! Eine Flasche Sekt für die Damen!
Stefanie:
Der jüngste Gerichtsdiener bringt den Aperitif. Ich möchte dein Gesicht nicht sehen, führte jemand die Bestellung aus.
Du würdest sterben vor Angst, wärst du nicht schon tot.
Dörte:
Wahrscheinlich. Komisch, wir bleiben wer wir waren, auch wenn wir nicht mehr sind. Du hast mich voll erwischt. Sektlaune und Kirchenbank, das waren meine Pole. Dann lass ich es, den Tee will ich auf keinen Fall. Man muss ja auch nichts trinken. Im Leben war das anders. Manchmal, wenn die Kleine weg war, sind wir richtig miteinander abgestürzt. Nur bei mir kann er völlig gelöst und frei betrunken sein, hat er immer gesagt. Und bei ihm lernte ich, mir nach getaner Arbeit auch mal richtig einen zu gönnen. Das war bei meinen Eltern anders. Da wurde nach getaner Arbeit an die zu tuende gedacht. Ich aber stand verkatert im Geschäft und verkroch mich mittags vorm Altar statt zu essen.
Er mochte dicke Frauen nicht.
Stefanie:
Habt ihr es nur betrunken miteinander ausgehalten?
Dörte:
Durchaus nicht, aber wir hatten dieselbe Art, den Tag ausklingen zu lassen. Das traf sich halt. Sonst haben wir uns ja kaum gesehen. Er immer unterwegs, ich im Laden. Oft blieb er auch weg, doch nie länger als zwei Nächte.
Stefanie:
Das kannte ich auch. Mein Mann ist Arzt.
Dörte:
Wenn meiner da war, dann sehr präsent. Präsent für mich, was mich ehrte.
Aber ich genoss die Abende allein, ging aus oder pflegte den Bekanntenkreis am Telefon, schrieb Briefe, badete, salbte mich.
Stefanie:
Für ihn.
Dörte:
Für mich! Ich war gut zu mir. Schliesslich tat ich meinen Teil zum Leben dazu und hatte mir auch was verdient. Mich selbst für Abende. Sonst war doch alles verwoben mit ihm. Versteh mich nicht falsch, das wollte ich so. Aber kleine Auszeiten waren mir immer willkommen.
Stefanie:
Auszeit. Schönes Wort. Die Zeit in der es aus ist. Mir hätten da Abende nicht gereicht. Einmal erzählte ich meinem Mann beiläufig von der berühmten Freundin, die in eine Auszeit mit ihrem Mann gegangen war. Er spielte dann lange an seiner Zigarre, so eine grosse, die sie rauchen, weil sie im Golfjournal ihres Chefarztes beworben werden. „Da kann man sich gleich scheiden lassen.“, hat er nur gemeint und schon mal Riesenwolken in die Luft gepafft. Aus ist aus.
Dörte:
Liesst ihr euch scheiden?
Stefanie:
Dazu kam es nicht mehr. Ich hatte nicht soviel Glück wie du.
Dörte:
Glück hatte ich, wir haben uns geliebt.
Stefanie:
Bis an den Baum?
Dörte:
Bis an den Baum. Vom ersten bis zum letzten Hemd.
Ganz am Anfang landeten wir beide ziemlich betrunken nach der Disko bei mir und er erzählte mir zum ersten Mal von den fünftausend T-Shirts, die er, weiss der Zoll woher, kaufen könnte. Er war sich wohl nicht ganz sicher und fragte ausgerechnet mich um Rat. Da waren wir achtzehn. Ich wollte sofort einen Laden aufmachen und die verhökern. Alle fünftausend, jedes einzelne für ihn verkaufen. Sieben Jahre sassen wir auf den Teilen, waren aber ein glückliches Paar. Dann fiel zum Glück die Mauer und er liess einfach „Deutschland“ drauf drucken. Wir verkauften alle, in sechs Wochen. Später kam ich dann auch zu meinem Laden. Er wurde ein richtig guter Händler. Und wir blieben wie selbstverständlich zusammen, er handelte und ich machte die Bücher. Er war gut. Dann bauten wir das grosse Haus für unsere Tochter und ich blieb daheim. Er wurde immer besser und mir gefiel nicht, dass er für alles sorgte und ich für das Haus. Wir redeten darüber und er gab mir Startkapital für den Laden. Eine feine Boutique auf dem Land, sehr selten und etwas sinnlos. Aber Irgendwann hatte sich auch in der Stadt herumgesprochen, welch selten schönen Stücke bei mir recht preiswert hingen. Viele davon schleppte er autoweise von seinen Reisen zu mir. Händler durch und durch hatte er manchmal mehr Feuer für den Laden als ich. Ein Viertel der Einkünfte kam von mir und wir waren stolz auf mich.
Stefanie:
Beneiden würde ich dich, hätte ich noch einen Willen.
Dörte:
Es war anstrengend, denn der Antrieb war er. Ich hätte auch ruhiger gekonnt, wollte aber mithalten. Um Geld ging es nicht. Er war besessen vom Handeln und nur darum so gut. Trotz der ewig schlechten Zeiten. Wenn wenig gekauft wird, ist die gute Ware billig. Und gute Ware verkauft man immer. Sagte er und auch mein Laden brummte. Beide waren wir immer beschäftigt. Ein erfülltes Leben.
Stefanie:
Ein gefülltes Leben.
Dörte:
Angefüllt und geschäftig, ja. Man soll doch leben was man ist. Oder? Wir hatten keine Zeit für Weltschmerz, aber für Arbeit und Spass. Nenn es wie du willst. Was hast denn du gemacht?
Stefanie:
Ich war Archäologin, also ich habe das studiert. Dann führte ich den Haushalt eines Chirurgen und erzog seine Kinder. Mein Laden war die Doktorarbeit, aber er hat nie aufgemacht. Ich hätte reisen müssen und nicht immer umziehen. Alle Jahre rief mich mein Doktorvater an und lud mich zu Grabungen ein. Im Moment völlig unmöglich, sagte mein Mann zehn Jahre lang. Wenn ich die ordentliche Professur habe, bist du dran, hat er mir später versprochen.
Dörte:
Und?
Stefanie:
Er wird nie Professor.
Dörte:
Nie?
Stefanie:
Nie. Das weiss ich so sicher, wie du noch mal mit deinem Mann sprechen wirst. Du sahst euch von eurem Auto zermalmt, sahst das eine Mal im Leben in die Zukunft. So ging es mir ständig. Ich sah mich tot und war schon lange nicht mehr bei den Lebenden.
Dörte:
Und ein Arzt hätte dir nicht helfen können?
Stefanie:
Mit Sicherheit nicht. Einer davon hat mir gereicht.
Dörte:
Wie bist du gestorben?
Stefanie:
Auf meinem Weg.
Dörte:
Ich auch, zurück von der Schwiegermutter nach Hause. Wohin führte deiner?
Stefanie:
Auch nach Hause.
Dörte:
Weißt du nicht, wie du starbst?
Stefanie:
Ich weiss warum. Da waren Gespräche, Telefonate und diese Zeitung mit der Schlagzeile vom Ikarus. Dann hielt mich mein Vater. Er stand da im flachen Flussbett und fing mich in seinen Armen auf. Sonst wäre ich zerschellt. Ich war gefallen und Vater hat mich aufgehalten. Loslassen hatten sie gesagt, du musst einfach loslassen. Das tat ich.
Der Fall war schön, ich landete bei Papa.
Dörte:
Mehr weißt du nicht?
Stefanie:
Nein, weil ich schon lange vorher tot war. Das war nur ein Affekt, den habe ich vergessen.
Dörte:
Du hast dich umgebracht.
Stefanie:
Ja, zehn Jahre vorher, als ich die erste Grabung absagte.
Dörte:
Weißt du es wirklich nicht?
Stefanie:
Nein. Es ist auch völlig gleichgültig.
Dörte:
Das stimmt. Wie man hier her kommt ist egal. Aber früher hätte ich dich sehr abgelehnt. Das Leben war viel zu schön, um es wegzuwerfen.
Stefanie:
Eben.
Dörte:
Ich war ein Unfall. Das ist wenigstens sinnlos.
Stefanie:
Ich war auch ein Unfall und ebenfalls sinnlos. Er passierte, weil mein Vater vergessen hatte, mir zu zeigen, wie man aus alten Steinen neue Brücken baut und nicht von ihnen springt. Er starb einfach. Ich wusste nur, wie man gegen den Wind geht. Er selbst war der Sturm, der mich in sein Grab riss. Die Liebe zu meinem Mann war nur eine Wiedergeburt auf Zeit für mich, die Hochzeit schon ihr windstilles Ende. Mir zuzuhören hat ihn nur zwei Jahre lang gefesselt. Zum Schluss hat es ihn genervt und ich habe geschwiegen. Dummerweise liebte ich ihn immer noch, diesen energischen Jungen, dessen Ziele schneller näher kamen, als er sie fokussieren konnte. So waren seine Siege gross und ungenau. Ich bewunderte den Weg, auf dem er mich zurückliess. Sicher hätte ich um meine Doktorarbeit kämpfen können, aber ich stand stumm und gelähmt wieder an einem Grab. Hinter mir donnerten die Einschläge seiner Kämpfe. Da merkte ich, dass ich nicht sterben konnte, denn ich war schon tot. Eigentlich ging es von da an leichter. Meine Kinder und Dämonen reichten mir.
Dörte:
Verzeih, aber in deinem Fall erlaube ich mir die Frage, was wird aus deinen Kindern?
Stefanie:
Erst als mir das egal war, war ich wirklich tot. Es sind auch seine.
Dörte:
Das hätte ich dir im Leben übel genommen.
Stefanie:
Ich mir auch.

